Seit längerer Zeit beklagen Bewohner des Hertener Stadtteils Langenbochum übel-riechendes Grundwasser in ihren Hausbrunnen. Analysen haben ergeben, dass es sich um eine Verunreinigung des Grundwassers mit Teerölen handelt. Teeröle beinhalten in großen Mengen Krebs erregende PAKs (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasser-stoffe). Die ins Grundwasser eingedrungenen Teeröle sind Rückstände einer ehemaligen Kokerei.

In den Jahren 1902 bis 1942 wurde auf dem Gelände der Zeche „Schlägel und Eisen“ von der Bergwerksgesellschaft Hibernia (ab 1935 Hibernia AG) eine Kokerei betrieben. Im Jahr 1969 brachte die Hibernia AG ihren Bergwerksbesitz in die neugegründete Ruhrkohle AG (RAG) ein.

Der Kreis Recklinghausen erließ am 09. Juli diesen Jahres ein Verbot jeglicher Grundwasserförderung und -nutzung (Amtl. Bekanntmachung Nr. 103/2015), in dem betroffenen Bereich zwischen Schachtstraße/Mühlenstraße. Viele Anwohner des betroffenen Gebiets nutzen eigene Hauswasserbrunnen zur Brauchwasserversorgung.

Aus diesem Grund lud der Kreis Recklinghausen und die RAG, am 24.09. zu einer Bürgerinformationsveranstaltung, an der Grundwassersanierungsanlage in Herten-Langenbochum, ein. Außer Landrat Cay Süderkrüb (SPD) waren der Ressortleiter Umwelt des Kreises Recklinghausen, Karl-Heinz Reckert und Dipl.-Geol. Michael Laßl von der RAG Montag Immobilien GmbH anwesend. Neben den zahlreich Betroffenen waren auch einige Vertreter der lokalen Politik und ein Vertreter der Umweltgewerkschaft zugegen.

Zwei kurze Einleitungsreferate zur Ursache und Eingrenzung der betroffenen Bereiche eröffneten die Veranstaltung. U.a. wurde berichtet, dass die Verunreinigung des Grundwassers nicht durch den direkten Betrieb der Kokerei, sondern durch Kriegsein-wirkungen in 1940er Jahren, zu verantworten seien. Auf Nachfrage gab Michael Laßl zu, dass die RAG Rechtsnachfolger der Hibernia AG sei und somit auch in der Verantwortung stehe. In diesem Zusammenhang wurde auf die 2010 in Betrieb genommene Grundwasser-sanierungsanlage, mit drei Brunnen, verwiesen.

Am Rande der Referate konnten die Zuhörer erfahren, das die gemessenen Werte für Benzol 1100 µg/l und für PAK bei 538 µg/l betragen. Die zulässigen Höchstwerte bei Benzol und PAK im Trinkwasser liegen bei je 0,1 µg/l. Für Grundwasser gibt es keine verbindlichen Richtlinien. Ein Skandal, bedenkt man, dass im Straßenbau schon seit vielen Jahren mit PAK kontaminierte Stoffe (alte Fahrbahnbeläge aus Teer) gesondert, unter äußerst strenge Auflagen, entsorgt und eines, nach Stand heutiger Kenntnisse, umweltverträglichen Recycling zugeführt werden müssen.

Ewigkeitskosten

sind die Folgekosten die bei der Beendigung des Steinkohlebergbaus entstehen. Sie entstehen aber auch in anderen Zusammenhängen z.B. beim Ausstieg aus der Atomenergie für Endlager.

Um die Finanzierung der Ewigkeitskosten zu sichern, schließen Nordrhein-Westfalen, das Saarland und die RAG-Stiftung den Erblastenvertrag zur Übernahme der Folgekosten des Steinkohlenbergbaus.

Durch das Steinkohlefinanzierungsgesetz vom Dezember 2007 ist die Übernahme der Eweigkeitskosten geregelt. Die RAG Aktiengesellschaft hat, im Einvernehmen mit dem Bund, den Ländern Nordrhein-Westfalen und Saarland sowie der IG BCE die RAG-Stiftung gegründet. Die RAG-Stiftung soll bis Ende 2018 ein Stiftungsvermögen aufbauen, das ab 2019 zur Finanzierung der Ewigkeitskosten (Dauerbergschäden, Grubenwasserhaltung und Grundwasserreinigung) verwendet wird. Die RAG-Stiftung erwirbt 2008 die Evonik AG von der RAG Aktiengesell-schaft zum Buchwert von ca. 1,2 Milliarden Euro und wird damit Eigentümerin des sogenannten weißen Bereichs (Geschäfts-zweige die nicht unmittelbar mit der Steinkohle im Zusammenhang stehen) der ehemaligen Ruhrkohle AG. Im April 2013 erfolgten Börsengang der Evonik Industries AG – der mit rund neun Milliarden Euro Vermögenswert größten Stiftungs-Beteiligung – sowie den Erwerb eines 30-Prozent-Anteils an der Vivawest GmbH im Juli 2013. Die Stiftung soll über ein Vermögen von 12 Milliarden Euro verfügen (Quelle: RAG-Stiftung).

Den Betroffenen wurden versichert, dass die Verunreinigung sich auf das angegebene Gebiet beschränken würde, da die vorhandenen Grundwasserströme stabil und unveränderlich seien. Der Hinweis des Vertreters der Umweltgewerkschaft, dass das nicht den Tatsachen entspräche, da es sich bei den betroffenen Bereichen um Bergbaugebiete handeln würde, in denen jederzeit mit Grundbrüchen und -setzungen gerechnet werden müsse und somit sich auch mittel- bis langfristig die Grundwasserströme ändern können, wurde seitens Herrn Laßl als unhaltbare Behauptung abgetan. Erst nachdem Herrn Laßl ein Auszug aus dem Ergebnisbericht Emscher, aus dem Jahr 2005 vorgelegt wurde, musste er dem Vertreter der UG zugestehen, dass generell die Möglichkeit bestehe, allerdings für den Bereich Herten-Langenbochum sehr unwahrscheinlich wäre. Wie sicher der Vertreter der RAG sich dieser Behauptung war, wurde aus der Tatsache ersichtlich, dass dieses Eingeständnis dem Vertreter der UG unter vier Augen gegeben wurde.

Die Frage des Umweltgewerkschaftlers, warum die RAG, die von ihr verursachten Umweltprobleme wie Giftmülleinlagerungen unter Tage und PCB-Belastungen im Grubenwasser (wir berichteten über beide Vorkommnisse), bagatellisieren würde, wurde mit der Aussage, „das würde hier nicht zur Debatte stehen“, abgetan. Belastungen durch PCB und Giftmüll wären nicht das Thema der Veranstaltung.

Während der anschließend stattfindenden Diskussionsrunde wurde immer wieder die Frage gestellt, warum die Öffentlichkeit erst jetzt umfassend über die PAK-Belastungen informiert wurden. Seit den 1990er Jahren berichteten Anwohner immer wieder über stinkendes Grundwasser. Das Hertener-Fraktions-Bündnis stellte am 18.11.2009 eine Anfrage an den Bürgermeister Dr. Paetzel, ob die Stadt Herten Kenntnisse über eine Kontaminierung des Grundwassers im o.g. Bereich, hätte (Dokument liegt dem Verfasser vor). Somit dürfte schon spätestens seit Ende 2009 dieses Thema bei den Verantwortlichen bekannt gewesen sein. Eine eindeutig klärende Antwort gab es auf die Frage nicht.

Viele Betroffene wollten wissen, wer den jetzt für ihren persönlichen Schaden aufkommen würde. Für das Bewässern ihrer Gärten müsste jetzt teures Leitungswasser genutzt werden, auch stehe zu befürchten, dass die betroffenen Grundstücke an Wert verlieren. Die Beantwortung machten sich die Verantwortlichen von Kreis, Land und der Bezirksregierung Arnsberg (zuständig für das Bergrecht) mit dem Verweis auf das Wasserhaushaltsgesetzes, dass kein Recht auf die Entnahme von sauberem Grundwasser bestehe, recht einfach.

Die Frage, was die RAG tun würde um dem Problem Herr zu werden und ob drei Reinigungsbrunnen nicht zu wenig seien, wurde mit der Begründung der Verhältnismäßigkeit beantwortet. Im Rahmen des Subventionsrecht wäre eine größer angelegte Maßnahme nicht gestattet. Die Kosten würden durch die Rückstellungen der RAG/Evonik, im Rahmen der RAG-Stiftung für die Ewigkeitskosten aufgebracht. Der Umweltgewerkschaftler kam nicht umhin zu fragen, wer die Kosten nach Aufbrauchen der Rückstellungen tragen würde. Hier gab der Vertreter der RAG zögerlich zu, dass in diesem Fall erst das Land und anschließend der Bund die Kosten weiter tragen würde. Wieder einmal würden die Kosten auf die Steuerzahler abgewälzt.

Während der ganzen Veranstaltung zeigte sich, dass die Verantwortlichen aus Industrie und Politik nicht wirklich gewillt waren, Lösungsansätze zu bieten. Bei fast jeder Frage wurde geantwortet: „Die RAG-Aktiengesell-schaft...“ Die Betonung lag auf Aktiengesell-schaft. Daran konnte der aufmerksame Zuhörer erkennen, dass es mehr um die Interessenwahrung der Aktionäre, als um die Belange der Anwohner ging.

Mit keinem Wort wurde darüber gesprochen, was passiert, wenn das kontaminierte Grundwasser in die Kanalisation eindringen würde. Ein Szenario, welches nicht unbedingt von der Hand zu weisen ist, wenn man dem Umstand Rechnung trägt, dass ein großer Teil der Abwassersysteme undicht und marode sind. Das Grundwasser würde sich in der Kläranlage mit dem Trinkwasser mischen und wieder in Kreislauf eingebracht werden.

Giftmülleinlagerungen unter Tage, PCB im Grubenwasser, die Ankündigung nach 2018 das Grubenwasser auf 600m ansteigen zu lassen und jetzt Krebs erzeugende, hochgiftige Stoffe wie PAK und Benzol im Grundwasser, überall versucht die RAG Aktiengesellschaft die Ursachen und Folgen klein zureden. Überall versucht die RAG Aktiengesellschaft sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Es wird Zeit, dass die RAG und ihre Aktionäre sich der Problematik stellen, den Gift- und Sondermüll unter Tage auf ihre Kosten auslagern, auf sichere Deponien über Tage, von ihren Plänen, die Grubenwasserhaltung von 1000m auf 600m zu heben, abrücken.

Jahrzehnte lang hat die RAG von den Subventionen für den Steinkohlebergbau profitiert, da ist es moralisch nur gerecht, jetzt auch für die Folgekosten, der von ihr verursachten Schäden, insbesondere der Umweltschäden, aufzukommen.

Frank Binder

(Quellen:Joachim Jürgens – Pro-Herten/H.F.B./FDP; Bezirksregierung Arnsberg; RAG-Stiftung; Kreis Recklinghausen; staatl. Umweltamt Herten; Wikipedia; Lokalkompasss; Hertener Allgemeine)