Ernährung ohne Gentechnik

Wir alle essen, jeden Tag, mehrmals – und wir sollten es möglichst oft mit Genuss tun. Wir alle haben damit mehrmals am Tag die Möglichkeit zu entscheiden, welchen Einfluss wir auf das Klima auf diesem Planeten nehmen wollen.

Unser tägliches Essen und das Klima – ist das nicht zu weit von einander entfernt ? Ja, eine einzelne Mahlzeit macht nicht viel aus, aber viele zusammen eben schon.

Die Landwirtschaft trägt weltweit mit ca. 15 % etwa gleich viel zu den schädlichen Klimagasen bei wie der Bereich Transport / Verkehr. Allerdings ist die Zusammensetzung der Treibhausgase anders und dieser typische Mix erlaubt es uns Verbraucher*innen, durch gezielte Entscheidungen Einfluss zu nehmen.

Am weltweiten CO2-Ausstoß ist die Landwirtschaft mit ca. 9 % beteiligt. Da geht es um Brandrodungen, Trockenlegung von Mooren (beides vorwiegend für Palmöl- und Sojaplantagen), Produktion von Kunstdünger (die ist so energieintensiv, dass der Preis für diesen Dünger mit dem für Rohöl zusammenhängt), Sprit für Landmaschinen, Transport, Lagerung / Kühlung.

Autorin: Jana Ballenthien, Regionalverband Harz-Leine-Göttingen, umweltaktivismus[ät]riseup[punkt]org

 

Worum geht’s?

Zahlreiche Medien veröffentlichten heute besorgniserregendes. In 16 Muttermilchproben aus ebenso vielen Bundesländern wurden Spuren des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in Konzentrationen über den für Trinkwasser erlaubten Grenzwerten gefunden. Dabei handelt es sich um ein Unkrautbekämpfungsmittel das Grünpflanzen vernichtet, die zwischen Feldfrüchten wachsen.
Im März diesen Jahres stufte die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO den Stoff als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

Diese Nachricht ist nicht neu.

Der aktuelle mediale Aufschrei ist gut, doch erstaunt er gleichzeitig. Schon 1950 konnte das Insektenvernichtungsmittel DDT in der Muttermilch nachgewiesen werden. Seit dem gilt Muttermilch nicht mehr als unbelastet (BUND 2005).
Die heute so gepriesenen mindestens sechs Monate der Stillzeit wurden Mitte der 80er Jahre ganz anders begründet. Damals wurde empfohlen, Säuglinge nicht länger als ein halbes Jahr zu stillen, da die Dioxinwerte, hauptsächlich aus Fisch- und Ei-Konsum und aus Müllverbrennungsanlagen, besorgniserregend und weit über allen Grenzwerten angesiedelt war (Böschen 2003). Heute sind die Dioxinwert zwar weit zurückgegangen, nachweisbar und Grenzwerte sprengend sind sie jedoch teils heute noch.
Der Umweltverbandes BUND machte 2005 mit seiner Publikation „Über 300 Schadstoffe in der Muttermilch. Zeit für eine neue Chemikalienpolitik“ darauf aufmerksam, dass es an der Zeit wäre, umzudenken. Sie beschreibt detailliert den biologischen und politischen Weg der Schadstoffe in die Muttermilch. Berufen tut sie sich damit auf zahlreiche Studien, die seit 1980 über 40.000 Muttermilchproben in Deutschland auf Chemikalienrückstände untersuchte. Das dramatische Ergebnis: Selbst Stoffe, die bereits seit den 1970er Jahren verboten sind, z.B. PCB, können nach wie vor in der Muttermilch nachgewiesen werden. Hinzu kommt eine rasant steigende Anzahl an neue Stoffgruppen, wie die in der BUND Publikation genannten Flammschutzmittel, Duftstoffe und Weichmacher, die bis heute hergestellt und genutzt werden.

 

Woher kommen Giftstoffe?

Seit den 1940 Jahren findet in Deutschland eine Massenproduktion synthetischer Chemikalien statt. Langzeitwirkungen wurden dabei nicht bedacht. Erst 41 Jahre später, 1981, wurde ein Chemikaliengesetz verabschiedet, das vor der Vermarktung der Substanzen die verbindliche Prüfung auf Umwelt- und Gesundheitsgefahren festlegte. Alle ca. 100.000 zuvor auf den Markt gekommenen Stoffe, blieben weiterhin ungeprüft. Erst 1993 wurde nachgebessert. Es wurde die EU-Altstoffverordnung eingeführt, die den Schutz von Mensch und Umwelt vor Risiken durch die ungeprüften nachträglich gewährleisten sollte. Zum Zeitpunkt der Publikation des BUND 2005 lagen allerdings erst für 300 Stoffe abgeschlossene Risikobewertungen vor.


Wie gelangt das Gift in die Muttermilch?

Besonders langlebige und Fett liebende Stoffe, die vom menschlichen Körper nicht abgebaut werden können, sind gefährlich. Während der Milchbildungsphase gelangen sie aus den Fettdepots in die Milch. Damit ist auch erklärt, warum es nahezu unmöglich ist, das Neugeborene davor zu schützen. Selbst bei einem langjährigem bewusstem Verzehr von biologisch angebauten Nahrungsmitteln können sich in unseren Fettdepots noch Altlasten aus der Kindheit befinden. Von den Umweltgiften, denen wir über die Luft und über Kleidung ausgesetzt sind und die damit durch Atemwege und Haut Eingang in unseren Körper finden ganz zu schweigen.


Was haben die aktuellen Studienergebnisse mit TTIP zu tun?

Das transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP sorgt bei umweltpolitischen Kritiker*innen zu begründeten Ängsten. Es werde zentrale Schutz-Standards zu Lasten der Umwelt und Arbeitswelt aushebeln, so Klaus Müller, Vorstand des vzbv (Dachorganisation der Verbraucher*innenverbände), gegenüber WISO (Jüngst 2014). Auch Glyphosat, das in den USA in wesentlich höheren Konzentrationen eingesetzt werden dürfe, könne durch das Handelsabkommen „hier hintenrum wieder hereinkommen“, so Müller im WISO Bericht (ebd.).


Lösungen?
Einige wenige sollen hier genannt werden.

  • Die verstärkte oder ausschließliche Nutzung biologischer Anbaumethoden in der Landwirtschaft. Nach einer Studie des Verbrauchermagazins ÖKO-TEST (2012), seien die von ihnen getesteten Bio Marken von Korn tatsächlich gänzlich Glyphosat frei.
  • Die Nutzung weniger gefährlicherer Ersatzstoffe in der Industrie. Hier wird oft mit Mehrkosten und dem Verlust von Arbeitsplätzen argumentiert. Mal wieder offenbart sich die Spaltung zwischen der Umwelt- und der Arbeiter*innenbewegung, die es zu schließen gilt.
  • Die Beschleunigung der Prüfung von Stoffen nach der EU-Altstoffverordnung.
  • Die Nicht-Einführung des TTIP Abkommens.
  • Ob diese kleine Auswahl an Lösungen politisch und wirtschaftlich erwünscht ist, ist eine andere Frage. Eine starke Umwelt- und Arbeiter*innenbewegung wird hier einiges bewegen können.


Und im Kleinen?

Wir sind nicht die Hauptverursacher*innen der Giftstoffmisere. Insofern wäre es fatal, die Verantwortung auf uns als Einzelpersonen abzuwälzen. Dennoch können wir mitwirken und sogar politischen Druck, z.B. durch ein kritisches Konsumverhalten, aufbauen. Möglichkeiten die sich hierfür anbieten sind: Die Ernährung mit biologischen, lokal angebauten und fair bezahlten Lebensmitteln, das Tragen ökologisch verträglicher und schadstoffarm hergestellter Kleidung oder Secondhand Ware, das Verzichten auf Plastik und Gummi im Haushalt, die Müllvermeidung, der Verzicht auf Plastiktüten beim Einkaufen, das Nutzen von Tauschbörsen und und und. Sicher gibt es Widersprüche und Inkonsequenzen im eigenen Handeln. Auch sind manche Vorschläge kostspieliger als andere. Aber dennoch sind viele ohne viel Druck und Finanzlast in den Alltag integrierbar. Und nicht nur die Neugeborenen profitieren davon durch eine reinere Muttermilch. Ressourcen sparen und schadstoffarm leben kommt nebenbei dem Ökosystem des ganzen Planeten zugute.


Zu guter Letzt noch die Frage, ob der Verzicht des Stillens auch eine Lösung wäre

Hierzu gibt es keine allgemeingültige Antwort. Das Stillen birgt ebenso viele Vorteile wie Risiken für die Gesundheit des Kindes und auch der Mutter. Dazu ranken sich um das Stillen starke gesellschaftliche Diskurse. Einer der stärksten unter ihnen ist der propagierte Stillzwang (Ballenthien 2014). Sich diesem zu entziehen ist schwer und wird gesellschaftlich verurteilt. Aus unterschiedlichen Gründen nicht stillen zu können ist vor diesem Hintergrund ebenso schwer. Ich für meinen Teil war eine glückliche Stillende, weit über die sechs Monate hinaus. Es gilt: egal wer sich wie entscheidet, sie*er hat unsere Wertschätzung verdient.


Quellen:
Ballenthien, Jana: Feministische Schwangerschaftsanekdoten. Rollendiskurse in der Schwangerschaft subjektiv verhandelt. In: Mecklenbrauck, Annika/Böckmann, Lukas: Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse. Mainz: Ventil Verlag.

Böschen, Stefan (2003): Risikogenese - Prozesse gesellschaftlicher Gefahrenwahrnehmung: FCKW, DDT, Dioxin und Ökologische Chemie. Opladen: Leske + Budrich, S. 196

BUND (2005):Über 300 Schadstoffe in der Muttermilch. Zeit für eine neue Chemikalienpolitik. Berlin: Natur & Umweltverlag. Online unter: http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/chemie/20050600_chemie_studie_muttermilch.pdf [Stand: 25.06.2015]

Jüngst, Wolfgang (2014): TTIP: Verbraucherschützer fordern EU-Standards festschreiben. Ein Artikel für das ZDF Magazin WISO. Online unter: http://www.zdf.de/wiso/ttip-freihandelsabkommen-verbraucherschutz-grenzen-35453418.html [Stand: 25.06.2015]

ÖKO-TEST (09/2012): Test. Pestizide in Getreide. Online unter: http://www.oekotest.de/cgi/index.cgi?action=heft&heftnr=M1209&bernr=04 [Stand: 25.06.2015]