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Peru/Chile

  • Chile-01_Erste-Eindrücke

    Der Flughafen Lima verabschiedet uns mit typischer Greenwashing-Beeinflussung: Gemeinsam für einen grünen Flughafen, "Juntos por un Aeropuerto Verde"

    Lima Greenwashing am Flughafen

    Na toll! Da dürfen wir noch schnell unseren Müll trennen, um dann die Atmosphäre mit tonnenweise Kerosin zu belasten! Ein Zug mit Schlafwagen wäre für die rund 3000 Kilometer super - gibt's aber nicht. Es gibt überhaupt keine Zugstrecke von Lima aus, ausser für den Erztransport von den Minen zum Export-Hafen. Für 3 Tage im Fernbus fehlt uns die Zeit. Wir fragen uns, warum es nicht längst Flugzeuge ohne fossilen Brennstoff gibt, zum Beispiel mit  Solar-Wasserstoff. Raketen zum Mond schießen geht, aber umweltfreundliche Ferntransportmittel für's Volk geht offenbar nicht. Typisch Kapitalismus!

    Santiago Flug

    Abends in Santiago angekommen, spüren wir sofort die aussergewöhnliche Situation. Ganz anders als in Lima überall Parolen an den Wänden, Plakate mit kämpferischen Sprüchen, von Ferne Trillerpfeifen, Töpfe schlagen. Nach dem Bus in die U-Bahn, aber nach einigen Stationen wieder raus, weil nachfolgende Stationen geschlossen sind (wegen Bränden, wegen Polizeieinsatz?). Es ist schon dunkel. Auf einer breiten Strasse brennen Reifen und Kartons, es ist eher ein Signal als eine Sperre, die Autos kurven drumrum. Durch einen Anruf erfahren wir, dass unser Quartier in einem Sozial- und Umweltzentrum "aus Sicherheitsgründen" kurzfristig verlegt werden musste.  Wir kommen in einem kleinen Hotel im Stadtzentrum unter. Ein Spaziergang um den angrenzenden belebten Platz führt uns zu einer selbstgemachten Gedenkstelle für die bei den Protesten von Polizei und Militär getöteten Menschen der vergangenen Wochen. Bewegende Songs einer Gitarristin....

    Santiago selbstgemachte Gedenkstelle Plaza Nunua

    ....verschiedene Plakate sind auf dem Boden ausgebreitet. Eines davon: "Wir haben keine Angst":

    Santiago no tenemos miedo

    Am nächsten Tag verschaffen wir uns einen Überblick über den "Cumbre de los Pueblos", den "Gipfel der Völker", der seit Monaten von vielen Organisationen und Aktivist*innen als Gegen-Gipfel zum COP25 und zum APEC-Gipfel vorbereitet wurde. Er findet auf dem Gelände der Universität von Santiago statt. Das Programm mit vielen Workshops und Diskussionsveranstaltungen geht über 6 Tage. Höhepunkt ist ein großer "Marsch" am Freitag um 17 Uhr im Zentrum von Santiago.

    Santiago Cumbre00

    Santiago Cumbre03

    Santiago marcha 6.12. Plakat

    Am Montag war die Eröffnung. Heute am Dienstag laufen erste Workshops. Aufgrund der Hitze (30 Grad) meist im Freien in den Innenhöfen der Uni. Kämpferische Wandbilder, Plakate, kleine Verkaufsstände mit selbstgemachtem Schmuck- oder Kunsthandwerk. Wir stellen uns vor, bekommen eine Namenskarte, und melden für Mittwoch einen Infostand der Umweltgewerkschaft an. Ein Teil der "Cumbre"-Veranstaltungen findet im Gewerkschaftshaus der CUT statt, einige U-Bahnstationen weiter. Wir sind gespannt auf die kommenden Tage...

    Santiago Cumbre01

    Santiago UdS Murales01

    Santiago Plakat Bayer Monsanto

     

     

  • Chile-02_Grüße

    Von dieser passenden U-Bahn-Station in Santiago ein ganz herzlicher Gruß an unsere Umweltgewerkschafts-Delegation in Madrid! Wir lesen eure Berichte mit großem Interesse. Schön zu wissen dass man trotz 12.000 Kilometer Distanz zur gleichen Zeit an der gleichen Sache arbeitet. Wir wünschen Euch und uns bei den großen Klima- und Umwelt-Demonstrationen jetzt am Freitag viel Erfolg - und natürlich auch allen Umweltgewerkschafter*innen zu hause in Deutschland!

    Santiago Station Chile Espana

    Wir wollten uns hier in Santiago eigentlich mit einem weiteren UG-Delegations-Teil treffen. Leider mussten sie ihren Flug kurzfristig wegen einer schweren Erkrankung absagen. Wir wünschen alles Gute und baldige Genesung!

    Santiago Cumbre05

     Heute war eine große Podiumsveranstaltung der Frauenbewegung auf dem "Cumbre-de-los-pueblos", siehe Plakat oben. Interessant: Zwei Hafenarbeiter waren mit auf dem Podium. Denn in den Häfen werden die Früchte für den Export verladen, die in den landwirtschaftlichen Betrieben geerntet werden, wo die meisten Frauen arbeiten. Die notwendige Einheit von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung wurde hier ganz praktisch diskutiert.

    Santiago Cumbre04

    Ausserdem ebenfalls eine Podiumsdiskussion im Gewerkschaftshaus der CUT-Gewerkschafts-Dachorganisation. Leider findet hier alles NUR auf spanisch statt, was unsere Möglichkeiten zur Beteiligung etwas einschränkt. Sehr zu Hilfe kommen uns da die zwei spanisch-sprechenden Genoss*innen einer MLPD/ICOR-Delegation, die wir vor Ort getroffen haben. Besten Dank für die Übersetzungshilfe bei unseren Gesprächen und Diskussionen!

    Santiago Cumbre06

     Am kleinen UG-Büchertisch gab es viele interessante Gespräche. Für ausnahmslos alle war der Gedanke einer Umweltgewerkschaft, die sich ausdrücklich der Verbindung von Umwelt- und Arbeiterbewegung verschrieben hat, neu. Aber alle fanden es gut, und unser spanisch-englischer Flyer und unser UG-Programm fand viele Abnehmer*innen. Vier Leute liessen ihre Adresse da und wollen ausdrücklich in Kontakt bleiben, darunter eine Anti-Fracking-Initiative aus Argentinien. (Warum haben wir bloß keine Anti-Fracking-Broschüre der Umweltgewerkschaft mitgenommen?? Sollten wir unbedingt auf spanisch und englisch übersetzen lassen...) Ein sehr informatives längeres Gespräch ergab sich auch mit Carola Rakete, die wir zufällig auf dem "Cumbre" trafen.

    Spätnachmittags Suche nach einem Copy-Shop, um mehr Flyer für die Demo am Freitag zu kopieren. Abends dann vor unserem Quartier waren wieder Massen unterwegs. War es gestern eine nicht enden wollende Fahrrad-Demo mit gleichzeitigem Parolen-Rufen während des Fahrens (!), so heute eine riesige Frauen-Demo, die vom Stadion "Victor Jara" kommend in Richtung Innenstadt zog.

    Santiago UG BüTi

     

     

  • Chile-03_CANELO-DE-NOS

    Heute fuhren wir mit U- und S-Bahn in den Süden von Santiago, in den Bezirk San Bernardo. Wir waren eingeladen von dem seit 30 Jahren bestehenden Umwelt- und Sozialzentrum "Canelo de Nos". (Canelo ist der bei den Mapuche-Ureinwohnern heilige Zimt-Baum, Nos ist der Stadtteil). Alejandro, einer der Leiter des Zentrums, war damals beim 2. umweltpolitischen Ratschlag in Deutschland dabei. Wer sich erinnert: auf diesem Ratschlag wurde der Vorschlag zum Aufbau einer neuen Art Umweltorganisation, einer Umweltgewerkschaft, erstmals breit öffentlich diskutiert. Alejandro und seine Mitstreiter*innen waren nun sehr interessiert, was daraus geworden ist.

    Das Gelände des Canelo ist wunderschön und mit viel Eigenarbeit angelegt, mit Säälen, Räumen und Gärten für Veranstaltungen und Workshops, sowie Hütten und Zimmern für Übernachtungsgäste.

    Santiago Canelo de Nos1

    Die ganze Veranstaltung stand auf der Kippe, da es in den letzten Tagen in den Straßen des Viertels immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen von jugendlichen Drogenbanden mit der Polizei gab, in deren Verlauf auch das Canelo angegriffen worden war. Die Spuren eines Brandanschlags waren deutlich zu sehen. Gleichzeitig entfalteten sich auch hier in dieser ärmeren Gegend, wie in ganz Chile, massive soziale Proteste gegen die Pinera-Regierung und die ganze 30-jährige Privatisierungs-Politik des "Neoliberalismus". Vor 1 Woche warfen Polizisten Tränengasgranaten mitten in eine friedliche Demo der Anwohner. Eine junge Mutter dreier Kinder verlor ihr Augenlicht komplett! 

    Das "Canelo" entschied sich, die Veranstaltung heute trotzdem durchzuführen, gerade auch wegen unseres Besuchs, allerdings verkürzt und mit weniger Teilnehmern. Im ersten Teil gab es 3 Impuls-Vorträge: Als Erstes eine hochinteressante Präsentation eines Bergbau-Ingenieurs über die Folgen der Feinstaub-Entwicklung durch die Tagebaue in Chile und Peru. Vieles war neu für uns! Die mit Schwermetallen belasteten Feinstaubwolken der riesigen Tagebaue werden über Hunderte Kilometer weitergetragen. Sie bedecken die Andengletscher und lassen sie dadurch schneller schmelzen, sie bedecken den Ozean, was zu dessen zusätzlicher Erwärmung führt, sie kontaminieren die Landwirtschaft und greifen die Gesundheit der Bevölkerung an.  (Der Kollege hat uns die Präsentation freundlicherweise zur Verfügung gestellt und wir können sie für die UG.Arbeit verwenden.)

    Santiago Canelo de Nos3

     Als zweites stellte Gernot in einem 10-Minuten-Beitrag die Umweltgewerkschaft vor, und warum die Vereinigung von Umwelt- und Arbeiterbewegung so eine große Bedeutung für die Verhinderung einer globalen Klima- und Umweltkatastrophe hat. Schließlich als Drittes eine Präsentation von Anna, der Repräsentantin der MLPD/ICOR-Delegation, über die Rolle der Frauenbewegung für die Umweltbewegung und umgekehrt,und warum nach Meinung der MLPD sowohl die Umweltfrage als auch die tatsächliche Befreiung der Frau eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft erfordert.  

    In der anschließende Diskussion zeigten sich mehrere Leute positiv überrascht, dass es so etwas wie eine Umweltgewekschaft gibt. Wie kam es dazu?  Wie könnte das auch in Chile gelingen? Das Bedürfnis nach Zusammenschluss der vielen umweltpolitischen Initiativen und Kämpfen auf einer höheren Grundlage war - ähnlich wie letzte Woche in Peru -  deutlich zu spüren.

    Nach einer kurzen Pause mit Fingerfood und Getränken ging es im Garten weiter mit einer "Cabildo". Die Cabildos sind kleine und große selbstorganisierte öffentliche Versammlungen in den Stadtteilen, die in ganz Chile in den letzten Wochen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Überall wird diskutiert, werden Forderungen beraten, Kämpfe ausgewertet, die brutale Staatsgewalt angeprangert, Solidarität mit Betroffenen organisiert...

    Santiago Canelo de Nos2

    Die heutige Cabildo im "Canelo de Nos" diente der Vertiefung der aufgeworfenen Umweltprobleme, und welche Lösungsmöglichkeiten die Leute sehen. Alle Aspekte der Diskussion wurden auf Wandtafeln festgehalten. Die Umweltfrage in ihrer ganzen Vielfalt soll unbedingt in eine neue Verfassung eingehen, dafür sollte diese Cabildo einen Beitrag leisten. (In Chile gilt immernoch die Verfassung aus der Zeit der faschistischen Pinochet-Diktatur; darin ist insbesondere die völlige Privatisierung der Natur, des Wassers, der Wälder usw. festgeschrieben. Eine neue, vom Volk erarbeitete demokratische Verfassung ist eine Kern-Forderung der aktuellen Massenproteste in Chile. Aber ob das die herrschenden Konzerne und ihre politischen Wasserträger zulassen werden? Und selbst wenn, ist das dann nicht nur ein weiteres Stück Papier? Darüber wird heftig diskutiert...).

    Santiago Canelo de Nos4

     Unter den Obstbäumen des "Canelo de Nos" verabschiedeten wir uns herzlich, nachdem wir einige Adressen und Überlegungen für eine mögliche zukünftige Zusammenarbeit ausgetauscht hatten.

  • Chile-04_Marcha-6.12.19

    Am letzten Tag des Cumbre-de-los-Pueblos gab es eine bewegende Abschlussveranstaltung im großen Zelt der Frauenbewegung. Wir hatten zuvor nochmal drei Stunden mit Transparent und Flyern die Umweltgewerkschaft bekannt gemacht und dabei weitere interessanter Kontakte zu Umweltgruppen in ganz Lateinamerika gewonnen. Darunter eine Anti-Fracking-Organisation in Kolumbien. Das Abschluss-Fotoshooting vor dem "marcha" (der Demo) war im großen Innenhof der Uni.

    Santiago Cumbre06

    Santiago Cumbre07

    Santiago Marcha07

    Santiago Cumbre08

    Danach mit der U-Bahn, zusammengestopft wie die Sardinen in der Büchse, zunächst zur Gewerkschaftszentrale der CUT. Davor auf dem Gehweg sammelten sich mehr und mehr Gewerkschafter*innen, bis schließlich ein langer Pritschen-LKW auf der Straße mit großem Hallo empfangen wurde. Alle drängelten sich zwischen den Autos auf die Straße hinter den LKW! Weit und breit keine Polizei zu sehen. Los gings! Sofort und immer wieder kämpferische Sprechparolen, zum Beispiel: "El pueblo, el pueblo, el pueblo dondé está? El pueblo esta en la calle, defiende su dignidad!" (Das Volk, das Volk, wo ist das Volk? Das Volk ist auf der Straße, verteidigt seine Würde!).

    Zu Beginn waren wir vielleicht 500 bis 1000, direkt neben uns lief der Autoverkehr gnadenlos weiter, allerdings oft mit solidarischen Gewinke und Gehupe. Viele Gebäude und Grünflächen an der Route sind mit Transparenten "geschmückt". Nach und nach schlossen sich immer mehr Leute an, Tausende in unserem Demozug, Zehntausende kamen schließlich von allen Seiten auf die "Platza Italia" - von der Volksrebellion umbenannt in "Plaza de la dignidad" (Platz der Würde). Unsere Freunde vom "Canelo de Nos" waren auch gekommen und sorgten sich um die Sicherheit der beiden Delegationen aus Deutschland. Die Sorge war nicht unberechtigt. Vor dem Polizeipräsidium wütende Proteste, als erste Tränengasgranaten geworfen wurden. Wir packten auf Rat unserer Freunde die Transparente zusammen. Im Gänsemarsch auf dem Gehweg durch die Demonstrantenmassen hindurch weiter, alle achten aufeinander. Selbst organisierte Sanitäter*innen-Teams standen bereit, einfache Atemschutzmasken wurden verteilt. Mit Selbstverständlichkeit und Routine wurden einem die Augen mit  Zitronenwasser besprüht, um das Tränengas zu neutralisieren. Alle Achtung!

    Santiago Marcha01

    Santiago Marcha02

     Santiago Marcha03

    Santiago Marcha04

    Santiago Marcha05

     Santiago Marcha06Hinter dem "Platz der Würde" lockern sich die Massen auf, die Tränengasschwaden vor dem Polizeipräsidium sind nur noch von weitem noch zu sehen. Wir können unser UG-Transparent wieder tragen, inzwischen mit einer Fahne der Mapuche-Ureinwohner*innen geschmückt. Hier ist jetzt Volksfeststimmung, Musik, Flohmarkt-Verkäufe auf der Straße, eine große Trommlergruppe heizt ein. Unser UG-Transparent wird häufig fotografiert. Die Freunde vom "Canelo-de-Nos" empfehlen trotzdem, die Gegend zu verlassen, es wird bald dunkel und wer weiß was noch passiert. Seit Beginn der Volksrebellion im Oktober 23 Tote, tausende Verletzte und Verhaftete - mit dem Staatsapparat und mit ihm verbandelten faschistischen Kräften ist nicht zu spaßen. Wir bewegen uns also zurück zur Unterkunft, um beim Abendessen den ereignisreichen Tag zu bewerten.

  • Chile-05_Memoria 1973

    Heute haben wir uns das Erinnerungs-Museum in Santiago über den Militärputsch 1973 und die bis 1990 anhaltende Miltärdiktatur angesehen ("Museo de la Memoria y los Derechos Humanos"). Ein linkes Parteibündnis, die "Unidad Popular", wurde bei den Parlamentswahlen 1970 stärkste Kraft und der volksverbundene Arzt und linkssozialdemokratische Politiker Salvador Allende neuer Präsident Chiles. Unter seiner Führung wurden die (US-amerikanischen) Bergbaukonzerne und andere Großunternehmen verstaatlicht, eine Landreform zugunsten der Kleinbauern und Landarbeiter durchgesetzt, sowie ein  umfassendes Programm zur Bekämpfung der extremen Armut und Ungleichheit in die Wege geleitet. Kein Wunder, dass die entgeigneten US-Großkonzerne mit Hilfe der CIA und der chilenischen Großbourgeoisie alle Hebel in Bewegung setzten, um die Regierung Allende zu stürzen.  Am 11. September 1973 war es soweit: Das Militär putschte, mit brutaler Gewalt wurden die Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften und alle linken sozialen und politischen Organisationen zerschlagen und die sozialen Reformen der Allende-Regierung wieder vernichtet! Etwa 3000 bis 5000 Menschen wurden in den Tagen und Wochen nach dem Putsch ermordet, zehntausende wanderten in Gefängnisse und Konzentrationslager. Im schwer bombardierten und umstellten Präsidentenpalast und unter heftigem Gewehrfeuer, hielt Allende in ruhigen Worten seine letzte Ansprache über Radio an das Volk - es ist ein bewegendes Dokument der Zeitgeschichte, das im Museum zu hören ist (==> HIER in deutscher Übersetzung, ca. 5 min. Audio).   Wir diskutierten anschließend über die Lehren, welche die internationale Umweltbewegung aus den Ereignissen in Chile ziehen kann und muss.

    Santiago 1973Museum1

    (Bilder der Ermordeten)

    Santiago 1973Museum2

    (Gedenkmauer mit den Namen der Ermordeten und "Verschwundenen" auf dem Zentralfriedhof in Santiago)

    Santiago 1973Museum3

    (Pinochet und seine anderen Putschisten-Generäle)

    Dieser Museumsbesuch ist uns sehr nahe gegangen!

    Es war schon später Nachmittag geworden; wir nutzten den restlichen Tag für eine kleine Wanderung über den Hausberg von Santiago rüber zur anderen Seite ins Geschäfts- und Bankenviertel. Dazu mussten wir den Rio Mapocho überqueren. Der wichtigsten "Fluss" der Stadt ist nach jahrelanger Dürre nur noch ein Rinnsaal. Einige Bauarbeiter-Kollegen grüßen uns freundlich.

    Santiago RioMapocho2019

    Santiago Bauarbeiter

    Von oben Aussicht über die große Stadt zwischen den Bergen (über 5 Millionen Einwohner). Mit einer Seilbahn geht es über den deutlich angetrockneten Bergwald, bis runter ins Finanzzentrum Santiagos. Die Häuser der Wohlhabenden sind mit Nato-Draht abgesichert. Vor einem riesengroßen Einkaufspalast stehen Militär(!)posten, drinnen patroullieren bewaffnete Privat-Sheriffs. Die sozialen Gegensätze in der Hauptstadt Chiles sind mit Händen zu greifen...

    Santiago Zentrum vom Aussichtsberg

    Santiago Seilbahn

    Santiago Reiche schützen sich mit Natodraht

    Santiago Militärposten vor Konsumtempel

    Santiago Kosumtempel im Bankenviertel

     

     

  • Chile-06_Parolen

    Wohin wir auch kommen, Parolen, Parolen, Parolen. An den Wänden, auf dem Gehweg, auf dem Strassenbelag, an Lichtmasten, an Reklametafeln, auf Bannern, auf Plakaten, einfach fast überall! (Nur Flugblätter sind offenbar nicht üblich). Die am meisten verbreitete Forderung ist die nach einer neuen Verfassung und verfassungsgebenden Versammlung aus Basis-Vertretern der aktuellen Massenproteste (siehe auch unseren Bericht Chile-03).

    Parole neue Verfassung oder nichts

    ("Neue Verfassung oder Nichts")

    Parole verfassungsgebende Versammlung

    ("Verfassungsgebende Versammlung für ein Leben mit Gerechtigkeit und Gleichheit")

    Auch Umweltschutz-Parolen sind häufig zu sehen, meist in Bezug auf die Wasser-Frage:

    Parole Gesetz das Gletscher schützt

    ("Für ein Gesetz, das alle Gletscher schützt!")

    Eine verbreitete Demo-Sprechparole lautet:

    "El agua, el agua, el agua es un derecho! El agua no se vende, tampoco es un privilegio!" (Das Wasser, das Wasser, das Wasser ist ein Recht! Das Wasser steht nicht zum Verkauf, und ist auch kein Privileg!)

    Das nachfolgende Plakat haben wir in der großen Hafenstadt Valparaiso gesehen, zu der wir heute mit dem Bus einen kurzen Abstecher gemacht hatten. Es enthält eine halbe "Schulung" zur Geschichte des Imperialismus in Lateinamerika.Überschrift: "COLON (=Kolumbus) und TRUMP sind der gleiche alte und neue Imperialismus." 

    Die Bilder danach vermitteln einen kleinen Eindruck von dieser schönen, lebendigen und zugleich von krassen sozialen Gegensätzen geprägten Stadt.

    Valparaiso alterneuer Imperialismus

    Valparaiso Blick zum Hafen

    Valparaiso Nachbarschaftskünstler

     Valparaiso Exporthafen

    Valparaiso extreme Armut

    Valparaiso Nachbarschaftsgestaltung

    Valparaiso armer Stadtteil

     

     

     

     

     

  • Chile-07_Anden-Ausflug

    Chile ist der weltweit größte Kupferproduzent. (Besonders für die Elektroindustrie und damit für die Stromversorgung der Menschheit spielt Kupfer aufgrund seiner hohen Leitfähigkeit eine zentrale Rolle. In der Metallindustrie sind die verschiedenen Kupferlegierungen wie Messing, Zinn u.a. unverzichtbar). Neben Kupfer verfügt Chile über große Vorkommen an Eisenerz, Schwefel, Kohle, Nitrate, sowie Silber, Gold, Mangan und Molybdän sowie Lithium. Es gibt riesige Tagebaue und Steinbrüche, aber auch große unterirdische Minen. Viele Bergwerke liegen in den Anden. Diese Gebirgskette prägt ganz Chile 4000 Kilometer von Nord nach Süd, und ragt über 6000 Meter hoch auf.

    Einen kleinen Eindruck davon bekamen wir auf einem Tagesausflug in ein Hochgebirgstal in der Nähe Santiagos. Bis in die Abendstunden donnern schwere Trucks zum Abbaugebiet auf etwa 2500 Meter Höhe und wieder zurück. Am Talende befindet sich ein 5800 Meter hoher Vulkan, der zugleich die Grenze zu Argentinien bildet. Die vulkanische Aktivität läßt an manchen Stellen heißes Wasser aus den Berghängen austreten. Schon lange haben Menschen die heilende Wirkung des mineralhaltigen Wassers genutzt und "Banos", öffentliche kleine Badeteiche, eingerichtet. An einem dieser Teiche suchen wir das Gespräch mit dem Betreiber-Päärchen einer Imbiss-Stube. Sie erzählen von dem immer schnelleren Rückgang der Anden-Gletscher. Ursache ist nicht nur die Klimaerwärmung selbst, sagen sie, auch der dramatische Rückgang der durchschnittlichen Schneemengen im Winter von 1 Meter und mehr auf  gerademal 10 bis 20 Zentimeter in den letzten Jahren lässt die Gletscher schrumpfen. Den spanisch-englischen Flyer der Umweltgewerkschaft finden die Beiden super. Wir dürfen einen ganzes Päckchen davon im Imbiss auslegen! Und auch unterwegs findet unser Flyer noch einige Berg- und Naturliebhaber....

    Santiago Anden Hochtal

    Santiago Anden Trucks

    Santiago Anden Bano

     Santiago Anden Bano2

    Santiago Anden Flyer

     

  • Chile-08_ Quintero-"Opferzone"

    "Auf einer hügeligen Landzunge erstreckt sich der Kern des beschaulichen Fischerstädtchens Quintero... An den idyllischen Badebuchten und pittoresken Sandstränden erholen sich die Besucher...", so lesen wir auf einer Tourismus-Webseite. VOR 60 JAHREN war das wohl zutreffend. Heute ist die Region um die zwei Kleinstädte Quintero-Puchuncavi eine der am meisten verseuchtesten Gebiete Südamerikas! Vier Kohlekraftwerke und ein Dutzend Betriebe der Erdöl-, Chemie-, Kupfer-Industrie wurden hier hochgezogen, ohne auch nur minimalste Umweltschutzauflagen! Das Land müsse "Opfer bringen", das sei eben "der Preis des Fortschritts" forderte ganz offen die rechte Tageszeitung "El Mercurio del Valparaiso" zu Beginn der ersten Bauarbeiten im Juli 1957. Opfer für Bevölkerung, Flora und Fauna, enorme Profite für die in- und ausländischen Konzerne. "Zonas de sacrificio" = Opferzonen!

    Quintero Bucht

    Quintero Anlagen1

    Quintero ENAP Konzession

    Quintero Rohre

     Quintero Baden ungeeignet

       ("Strand nicht zum Baden geeignet")

    Quintero Anlagen2

     Ein Arbeiter, den wir an der "Strandpromenade" treffen, erzählt uns von der seit Jahrzehnten anhaltenden regionalen Umweltkatastrophe: "Die Fischer können ihre Fische von diesem Küstenabschnitt schon lange nicht mehr verkaufen, sie sind zu stark mit Schwermetallen vergiftet. Leute, die die Kupferschmelze vor einiger Zeit besichtigten, kamen ganz grün wieder raus von der ungefilterten Luft dort.Immer wieder ziehen giftige Schwaden über die Gegend, Tiere sterben, Menschen müssen sich übergeben, werden ohnmächtig!" Er zeigt uns den Weg zum Haus der Fischergewerkschaft, die sich 2014 gegründet hat, nachdem tonnenweise vergiftete Fische am Strand angeschwemmt waren. Leider ist nachmittags niemand da, die Kollegen machen das ehrenamtlich. Und werden immer wieder massiv anonym bedroht! Ihr junger, kämpferischer Vorsitzender, Alejandro Castro, wurde letztes Jahr an einer U-Bahnstation im 40 Kilometer entfernten Valparaiso erhängt aufgefunden - die Behörden sprechen von "Selbstmord", seine Frau und Freunde halten das für absolut unwahrscheinlich und gehen von einem gezielten Mordanschlag aus. Mit einem großen Wandbild in Quintero wird an Alejandro erinnert. Weitere eindrucksvolle "Murales" sind gegenüber der Fischergewerkschaft zu sehen.

    Quintero AlejandroCastro

    Quintero Kapitalisten

    Quintero Gasmaske

     

    Quintero Recht zu leben

    "Por el derecho a vivir" - Für das Recht auf Leben !

    Quintero GrünerGeist

    Als im August 2018 wieder einmal eine Giftwolke durch Quintero zog, mit der Folge von mindestens 300 Leuten mit aktuten Vergiftungserscheinungen, darunter 53 Schüler*innen, gab es die bisher größten Massenproteste. Auf Straßenblockaden, Schulbesetzungen, und Demos vor den Werkstoren der Großbetriebe reagierte der Staat mit Wasserwerfern und Tränengas. Als das die Proteste nicht eindämmen konnte, wurde Militär eingesetzt, das mit Gummigeschossen in die Menge feuerte. Präsident Pinera kam schließlich um den Volkszorn mit Versprechen für Umweltschutzmaßnahmen zu beruhigen - aber bis heute ist nicht viel passiert! 

    Quintero Holzhäuser

    Quintero Wasserwagen

    Wasserversorgung mit Tankwagen. Das Wasser vor Ort ist nicht trinkbar.

    Viele der Häuser und Hütten haben auch gar keinen Wasseranschluss, sondern nur Wasservorratsbehälter auf dem Dach.Quintero Pelikan

    Leider haben wir zu wenig Zeit, um Aktivisten vor Ort zu treffen. Die Fahrt hin und zurück nach Santiago dauert 6 Stunden. Wir haben aber über unsere neuen Kontakte vom "Cumbre de los Pueblos" Telefon-Nummern und Internet-Adressen bekommen, sodass wir auch von Deutschland aus mit Organisationen des Umweltprotests in Quintero in Verbindung treten können. Empört und nachdenklich verlassen wir diesen Ort. Hier wurde uns besonders deutlich: Katastrophenalarm ist angesagt!

     

    Quintero UG Transparent

     

     

  • Chile-09_Abschied

    Unser letzter Tag in Chile. Wir wollten eigentlich noch nach Petorca, etwa 3 Fahrstunden nördlich von Santiago. Aber das ist nicht mehr zu schaffen, wir haben noch Verabredungen in der Hauptstadt.Die Kleinstadt Petorca wurde zum Synonym für den Wasser-Notstand der letzten Jahre, von der große Teile der Bevölkerung Zentral-Chiles betroffen sind. Zwei Dinge kommen zusammen: Der enorme Wasserbedarf für die landwirtschaftlichen Monokulturen, vor allem Avocado-Plantagen. Und der seit mehreren Jahren anhaltende Regenmangel aufgrund der Klimakrise. Wir lesen im Internet: 1 (!) Avocadofrucht bedarf rund 300(!) Liter Wasser! Unglaublich. Da das Wasser, wie alles in Chile, privatisiert ist, kommt es zu der krassen Situation, dass z.B. die Menschen in Petorca kein Wasser haben und mit Tanklastern versorgt werden müssen während ringsum grüne Avocadoplantagen mittels massiver Bewässerung aus natürlichen Quellen gedeihen. Im Bild Avocadoplantagen an der Autobahn nördlich Santiagio:

    Santiago Region Avocado Plantage1

    Wir besuchen noch ein Protestcamp im Zentrum Santiagos. Die Flugblätter der Umweltgewerkschaft stoßen wie überall wo wir waren auf großes Interesse; die Leute freuen sich sehr über den Besuch und die Solidarität aus Deutschland. Die letzten unserer Flugblätter gehen Abends im Park vor unserer Unterkunft weg.

    Santiago Protestcamp Zentrum

    Mit enorm vielen Eindrücken und Erfahrungen über die Umweltsituationation in Chile und Peru und insbesondere den Zusammenhang von Umweltbewegung und sozialen Protestbewegungen, fliegen wir zurück. Es gibt viel auszuwerten und zu lernen für den Aufbau einer international verbundenen Widerstandsfront gegen die herankommenden globale Umweltkatastrophe.

    Wir sehen uns in Deutschland - nos vemos en Alemania!

     Valparaiso Blumenidee

    ANHANG:

    UG FlyerA5 deutsch COP25

  • Peru-01_Gut in Lima angekommen!

    Nach 12 Stunden Nonstop-Flug sind wir gegen 6:30 Uhr in Lima angekommen. Danach fast 1,5 Stunden Schlangestehen bei der Einreisekontrolle am Flughafen - und warum: weil alle Ankommenden einzeln fotografiert und zusätzlich alle 10 (!) Fingerabdrücke abgenommen wurden.  Umso schöner war der herzliche Empfang durch drei Mitglieder unserer peruanischen Partnerorganisation CANTO VIVO direkt am Flughafenausgang!  Mit dem Taxi gings mitten in die 10-Millionen-Metropole hinein, wo wir in der Parterre-Wohnung der Canto-Vivo-Familie gut unterbracht sind.

    Peru01 Willkommen in Lima 1MB

    Ein kleiner Rundgang durch das Stadtviertel gibt uns nachmittags einen ersten Einblick in das Leben hier. Zufällig kommen wir bei einem Schulfest vorbei. Einige liebevoll selbstgemachte Plakate machen auf die Umweltprobleme aufmerksam. Der Text des einen Plakats lautet sinngemäß: "Wasser haben gibt uns Leben, aber Bewußtsein über Wasser haben gibt uns Wasser". Lima ist eigentlich eine Stadt in der Wüste, nur das Wasser aus den Anden hat eine große fruchtbare Oase geschaffen, in der man Leben kann. Aber diese Wasserquelle ist bedroht, denn die Anden-Gletscher schmelzen rapide...    

    Peru02 Schulfest Lima1

     

    Peru03 Schulfest Lima2Peru04 Schulfest Lima3

     

  • Peru-02_Umweltbildung in der Megacity Lima

    Heute konnten wir ein erstes Projekt von CANTO VIVO erleben: Herausbildung von Umweltbewusstsein in einer Schule - und die Probleme dabei. Die Schule liegt am Rand eines Armenviertels, das einen Berghang am Stadtrand hinaufgewachsen ist. Alles total trocken, felsig, staubig, von weitem keinerlei Grün zu sehen. Die Bewohner kämpfen um offizielle Anerkennung ihrer selbstgebauten und schon Jahrzehnte bewohnten Häuser durch die Stadtverwaltung. Dazu muss man wissen, dass Lima heute ungefähr zur Hälfte aus „illegal“ gewachsenen Siedlungen armer Menschen vom Hochland besteht; dazu kamen in den letzten Jahren rund 1 Million Flüchtlingen aus Venezuela.

    Lima Armenviertel am Berg2

    Die Kinder und Jugendlichen brauchen dringend Bildung und Unterstützung, auch in Sachen Umweltbewusstsein. So pflanzten CANTO-VIVO-Mitglieder mit ihnen zusammen Obstbäumchen und erklärten dabei die große Bedeutung von Bäumen für die Menschen. Auch den Lehrern! Einige Zeit wurden sie selbständig von Schülergruppen bewässert und gepflegt. Inzwischen droht Vernachlässigung; bei nur 5 bis 6 (!) Lehrer auf 300 Schüler*innen kein Wunder. Müll liegt rum, einige Bäumchen sind vertrocknet, anderen geht es noch recht gut. Wir schlugen vor, uns an einem gemeinsamen Säuberungs- und Bewässerungs-Einsatz mit Jugendlichen zu beteiligen. Vielleicht klappt es am Samstag, mal sehen.

     

    Lima CV Schulprojekt1

    Lima CV Schulprojekt2 jungeTriebe

    Auf den Straßen der Innenstadt ein unglaublicher Lärm, Gehupe, Abgasgestank und Hektik. Autos, Taxis, Busse in allen Größen, und alle in Zentimeterabstand. Unsere Begleiterin von CANTO VIVO meint: „Wir sind das Chaos hier gewöhnt. In Lima Autofahren ist Kampf!“ Immerhin einige gepflegte kleine Parkanlagen. Viele nutzen die grünen Oasen zu einem Nickerchen. Der "Fluss" Rio Rimac ist nur noch ein Rinnsal, das Wasser durch die Industrieabwässer stark verseucht. Perfekt renovierte alte Kolonialbauten, protzige Kirchen und einzelne moderne Hochhäuser und Einkaufsmalls stehen in krassem Gegensatz zu den riesigen Armenvierteln am Stadtrand. Interessant: mit kunstvoll selbstgebauten abenteuerlichen Dreirad-Karren aus Fahrradteilen, Plastikdach und Holzresten, aber mit Megaphonen, die ihrem Namen alle Ehre machen, eben megalaut, werden Bananen oder ein Haufen technischer Kleinkram angepriesen.

     Lima Parknickerchen

    Lima Kolonialbauten1

    Lima RioRimac fastleer

    Nachmittags und abends bekommen wir einen Eindruck von der alltäglichen Einschüchterung und Unterdrückung durch die Staatsgewalt. Weil nicht-legalisierte „selbstständige“ Transportarbeiter streiken und sich Richtung Regierungspalast bewegen könnten, riegelt die Polizei das Stadtzentrum ab - strenge Kontrollen, wir müssen unsere Pässe zeigen. Polizei überall, teils mit Maschinenpistolen und Tränengasgewehren. Abends werden spontane Proteste gegen die Freilassung einer korrupten, ultrarechten Politikerin aus der Untersuchungshaft gewaltsam auseinandergetrieben. Die Polizei fackelt nicht lange und setzt brutal Schlagstöcke ein....

    Lima Polizei1

     

  • Peru-03_Wasserkatastrophe in der Wüstenstadt

    Ein langer Spaziergang, eigentlich schon eine richtige Wanderung, führt uns durch verschiedene Stadtviertel bis zur Pazifik-Küste. An einer Ausfallstraße viele kleine und mittelgroßen Universitäten, alle privat und entsprechend teuer. Im Gegensatz zum lebensgefährlichen Verkehr im Zentrum rund um die Altstadt gibt es hier an einigen 4-spurigen Straßen gut abgegrenzte 2-spurige Fahrradwege in der Mitte, gesäumt von Allee-Bäumen, und mit Fahrradreparatur-Stationen. (Da könnte sich manche deutsche Großstadt eine Scheibe abschneiden...) Und ja, es existiert durchaus einiges an "Grün" in Lima - sofern es denn ständig bewässert wird. Nur 13 Millimeter Regen fallen durchschnittlich pro Jahr in dieser Wüstenstadt, in manchen Jahren auch gar nichts. Allerdings liegt die Betonung auf "durchschnittlich", siehe weiter unten.

    Lima grün3

     Lima grün2 

     

    Lima grün1

    Die Freunde von CANTO VIVO erzählten uns heute von einer gigantischen Wasserkatastrophe, die Lima 2017 getroffen hatte. Sintflutartige Regenfälle führten zu riesigen Überschwemmungen und Erdrutschen. Die gesamte Kanalisation und die Trinkwasseraufbereitungsanlagen waren verstopft. Dazu kam eine starke Vergiftung der Wassermassen durch die mitgespülten Abfälle der Industrie- und Bergbaubetriebe. Drei Tage lang hatte die 10-Millionen-Metropole Lima keinerlei Leitungswasser mehr! Wir waren uns einig, dass die Häufung und Verstärkung solcher Extremwetterereignisse deutliche Vorboten einer heranrollenden globalen Umwelt- und Klimakatastrophe sind.

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  • Peru-04_Wir sind im Knast!

    Heute waren wir schneller im Knast als erwartet. Warum?

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    CANTO VIVO hatte uns eingeladen, an einer Baumpflanzaktion in einem Jugendgefängnis von Lima teilzunehmen. 1200 männliche Jugendliche sitzen hier lange Strafen ab. Nach strenger Personenkontrolle betraten wir einen sehr großen Hof. Sportplatz, Schulgebäude, kleine Bäume und Grünstreifen, Wachpersonal.

    Eine Gruppe von 17-18 jährigen Jungen mit ihren Lehrerinnen erwarteten uns. Sie wirkten trotz ihrer Jugend schon ein bisschen vom Leben gezeichnet. Einige waren sichtlich interessiert, andere eher nicht. Sie alle stammen aus armen, oft entwurzelten Familien.

    Einführenden Worte, kurze Vorstellung von uns Umweltgewerkschaft-Besuchern, Fragen und Antworten, warum Bäume wichtig sind. Dann gings mit unseren drei mitgebrachten jungen Obstbäumen, Humus und organischem Dünger los ans Einpflanzen. Wir beteiligten uns an den kleinen Pflanzgruppen und kamen ein bisschen ins Gespräch. Besonders nett war Juan-Carlos, der nur so lossprudelte obwohl wir fast kein Wort verstanden. Er war sichtlich stolz auf die winzigen Pflanzen im liebevoll angelegten Wüstensand-Garten, die er pflegte.

    Eine junge Aktivistin von CANTO VIVO führt seit zwei Jahren wöchentlich einen Umwelt-Workshop im Jugendgefängnis von Lima durch. Solche Baumplanzaktionen wie heute sind Teil davon.

    Es geht um Sensibilisierung, Aufklärung und Bildung für und mit den jungen Straftätern. Sie haben teilweise kaum die Grundschule absolviert, und vor allem diejenigen, die aus der Großstadt stammen, haben meist keine Ahnung und kein Gefühl für Natur oder warum Umweltverschmutzung ein großes Problem ist – und wer dafür hauptverantwortlich ist.

    CANTO VIVO  leistet eine geduldige Bewusstseins-Arbeit unter diesen Jugendlichen. Und auch das beteiligte Gefängnispersonal lernt dazu.

    Am Schluss wurde gemeinsam der Slogan der Umweltgewerkschaft auf spanisch gerufen:
    „Todos juntos salvemos la Tierra del colapso!“ - Gemeinsam die Erde vor dem Kollaps retten! Eine ungewöhnliche und beeindruckende Umweltarbeit haben wir da heute erlebt!

    (hier einige Bilder, die der uns begleitende Wachmann gemacht hat; wir selbst durften nicht fotografieren. Die Gesichter der Jugendlichen sind unkenntlich gemacht)

     

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  • Peru-05_UG auf Bergarbeiter-Streikversammlung

     Anfang September begann in Peru ein landesweiter Streik der Bergarbeiter. Es geht um die Durchsetzung einheitlicher Tarife in allen Minen, gegen die Verschlechterung der Arbeitsgesetzgebung (Erleichterung von Entlassungen und Zeitarbeit), und auch um die Verbesserung des Umweltschutzes in den Minengebieten. Nach einigen Tagen und brutalen Polizeieinsätzen wurde der Streik Mitte September ausgesetzt. Gestern wurde er wieder aufgenommen. In Lima kommen etwa 400 Bergarbeiter verschiedener Belegschaften im Haus der Bergarbeiter („Casa de los Mineros“) zusammen, um die Situation zu beraten. Wir platzen mitten hinein in die laufende Versammlung.

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    Engagierte Redebeiträge, die Leute klatschen begeistert, geballte Fäuste. Viele Transparente der verschiedenen Minenbelegschaften, eine kämpferische Stimmung.

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    Jesús von CANTO VIVO macht uns mit einigen Arbeitern bekannt. Einer war auch auf der internationalen Bergarbeiterkonferenz in Indien 2018 und kennt Bergarbeiter aus Deutschland. Sie freuen sich sehr über unseren Solidaritätsbesuch. Natürlich können wir sprechen. Gernot betont in seiner kurzen Ansprache auf spanisch, dass Arbeiter- und Umweltbewegung zusammengehören:

    .... muss heute jeder Streik auch die Umweltfrage mit einschließen. Was nützt uns ein Arbeitsplatz, wenn man im Land nicht mehr leben kann? Weil es wegen der Klimakrise zu heißt geworden ist? Oder weil es kein Wasser mehr gibt? Oder weil es vergiftet ist? Wir brauchen beides: Gut bezahlte Arbeitsplätze UND eine gesunde Umwelt, für uns und unsere Kinder! (...)  ...wir müssen uns mit der Umweltbewegung zusammenschließen, mit der Jugend, die für die Rettung des Planeten kämpfen will. Alle gemeinsam sind wir viel stärker als die Kapitalisten und ihre Regierungen! Alle gemeinsam können wir ein besseres Leben erkämpfen. Alle gemeinsam können wir die Erde vor dem Kollaps retten! Hoch die internationale Solidarität!”

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    Großer Beifall, auch für unser spanischsprachiges Transparent der Umweltgewerkschaft. Einer wollte gleich seine Minero-Weste gegen eine Umweltgewerkschafts-Weste tauschen.

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    Auf dem Hof ein ständiges Foto-shooting mit uns. Gefreut haben wir uns auch über die Frauen der Bergarbeiter, die mit eigenem Transparent gekommen waren. Schade, dass wir kaum Gelegenheit hatten, von ihren Erfahrungen zu hören. Eine junge Frau, Aktivistin einer sozialen Organisation zur Unterstützung der Bergleute, spricht uns an. Wie es der Zufall will: Sie hat in Berlin studiert und spricht gut deutsch. Sie interessiert sich sehr für die Arbeit der Umweltgewerkschaft, fragt nach dem Verhältnis zur IG Metall und meint, dass die Umweltfrage in den peruanischen Gewerkschaften noch viel wenig aufgegriffen wird. Wir tauschen unsere Nummern aus und wollen in Kontakt bleiben.

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  • Peru-06_29.11.: Auch in Lima Kampf ums Klima

    Schon gleich bei unserer Ankunft in Lima hatten wir erfahren: In Peru ist die Fridays-For-Future-Bewegung noch sehr schwach. Es gibt keine wöchentlichen Proteste. Es war eine junge Aktivistin von CANTO VIVO, die im Frühjahr die erste FFF-Protestversammlung in Lima hauptsächlich initiiert hatte - mit 1000 Teilnehmer*innen. Beim Klimastreik-Tag im September waren es rund 400, wie sie uns erzählte. Und heute... nur etwa 70 Leute kamen zur Protestversammlung zusammen! Erstaunlich in einer 10-Millionen-Metropole. Wir haben bisher noch nicht so richtig rausgekriegt, woran das liegt. Auch die Aktivist*innen stochern im Nebel: "Sehr viel Schulstress... autoritäre Lehrer und Eltern die das nicht erlauben....komplizierter Stadtverkehr..."

    Nun, trotzdem war die kleine Protestaktion kämpferisch und lautstark mit unermüdlichen Sprechparolen, Alarm-Sirenen und engagierten Ansprachen.

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    Die Aktion fand direkt vor dem riesigen dunkel verspiegelten "Glaspalast" des peruanischen Umweltministeriums statt. Nach einer guten Stunde, wir wollten gerade am Megaphon unseren vorbereiteten Redebeitrag beginnen, kam plötzlich Bewegung in die Leute. Alle strömten um eine Frau zusammen, die gerade über die Straße gekommen war: es war die peruanische Umweltministerin höchstpersönlich! Und sie fing auch gleich an mit den Umstehenden zu diskutieren - mit dem spanisch-englischen Flugblatt der Umweltgewerkschaft in den Händen! (Foto: im weißen Hemd)

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    Einige junge Aktivisten gaben ihren ellenlangen Erklärungen Kontra, auch unser Freund Jesús von CANTO VIVO mischte sich energisch ein - siehe Foto. Leider haben wir den Inhalt der erregten Debatte mangels Sprachkenntnisse nicht genau verstanden. Es ging jedenfalls darum, dass die Umweltministerin die peruanische Umweltpolitik lobte und auf die viel größeren Klimasünder in Europa und Nordamerika verwies, während die Klimaaktivisten das BlaBla kritisierten.  Nach einer halben Stunde gab sie sichtlich genervt auf und zog ab.

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    Wir konnten unseren Redebeitrag auf spanisch schließlich doch noch halten. Ein Student kam auf uns zu und lobte unser Flugblatt. Ob er noch einige haben könnte um sie an seiner Uni zu verteilen? Claro! Wir gaben ihm den restlichen Stapel mit und tauschten Adressen; er möchte unbedingt in Kontakt bleiben. 

    Mit nachfolgendem Bild unseres kleinsten Umweltkämpfers heute senden wir herzliche Grüße aus Peru an alle Umweltgewerkschafter*innen und umweltbewegte Menschen in Deutschland und insbesondere an unsere UG-Delegation bei den COP25-Protesten in Madrid!  Todos juntos salvemos la Tierra del colapso!

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                        (Plakat-Text: "Deine Lebensweise löscht meine aus!!" )

     

  • Peru-07_Arbeitseinsatz-mit-Schülern

    Es hat tatsächlich geklappt: ein gemeinsamer Arbeitseinsatz an der Schule, die wir Anfang der Woche schon mal besucht hatten. (siehe Bericht Peru-02). Aus dem verwahrloste Baum-Garten sammelte eine Gruppe Schüler mit CANTO VIVO und uns mehrere Säcke Müll, harkte das Unkraut und wässerte die Bäumchen. Mit zwei Schülern kamen wir näher ins Gespräch.Sie wollen ein Team bilden, das zukünftig die Verantwortung für den Baum-Garten übernimmt. Ohne Begleitung wird das kaum dauerhaft funktionieren, das lehrt die Erfahrung. Zu groß sind die sozialen Probleme der Schüler in diesem armen Viertel, zu oft wechseln die Schüler, zu gering sind die Kapazitäten der Lehrerschaft.

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    Gegen Spätnachmittag dann mit dem Bus quer durch die Stadt zur Pazifik-Küste ins Geschäfts- und Touristenviertel "Miraflores". Welch ein Gegensatz zu den ärmeren und armen Stadtteilen, ganz zu schweigen von den Elendsvierteln an den äussersten Rändern des Stadtgebiets. Lima ist in den letzten zwei Jahrzehnten auf eine Nord-Süd-Ausdehnung von 60 Kilometern und Ost-West-Ausdehnung von 30 Kilometern angewachsen. Die Einheit von Mensch und Natur ist durch eine solche Megastadt schwer gestört, aber das Bewußtsein darüber ist noch wenig entwickelt. Die Arbeit von CANTO VIVO hat große Bedeutung, das wird uns mit jedem Tag mehr klar.

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  • Peru-08_CANTO VIVO

    An unserem letzten Tag in Peru besprachen wir mit den Freunden von CANTO VIVO in Lima die Möglichkeiten einer stärkeren gegenseitigen Unterstützung im Aufbau unserer Organisationen. Wir werden darüber ausführlich berichten, sobald wir in Deutschland zurück sind. Hier nur soviel: In den 25 Jahren seit Gründung hat CANTO VIVO einen großen Erfahrungsschatz in der Umweltbildungsarbeit - insbesondere unter Jugendlichen und Kindern - gewonnen. In Zusammenhang damit wurden tausende Bäume gepflanzt. In einer Hochland-Region ist inzwischen ein kilometerlanger Waldstreifen entstanden, der schon merklich das regionale Klima positiv zu verändern beginnt. Die Aktivitäten konzentrieren sich dabei bisher auf 3 Regionen: Die Metropolregion Lima, die Großstadt Huancayo im Hochland plus deren weitere Umgebung (ca. 4000 Meter über dem Meer gelegen), sowie ein eher kleinstädtisches bzw. dörfliches Gebiet im Regenwald. 

    CV Baumpflanzprojekte 01

    CV Baumpflanzprojekte 02

     Der Abend endete mit einem leckeren gemeinsamen Essen, das Maritza und Maura gezaubert hatten. Wir bedankten uns herzlich für die überwältigend große Gastfreundschaft in unserer Gastfamilie!

    Der praktischen Einblick in ihre Umweltarbeit, in die Erfahrungen und auch die Probleme der Umweltbewegung in Peru, den uns CANTO VIVO gewährt hatte, ist für die Umweltgewerkschaft von großem Wert! Umgekehrt hoben die Freunde von CANTO VIVO hervor, dass sie unseren Besuch und unsere Erfahrungen aus Deutschland als wichtige Unterstützung für ihre Arbeit erfahren haben. Wir alle waren uns einig, dass in der engeren Zusammenarbeit unserer beider Organisationen ein großes Potential für die Zukunft steckt!

    Peru Abschlussabend mit CV 01

      Wer sich einen lebendigen Eindruck von der Arbeit von CANTO VIVO verschaffen will, dem sei dieses Bilder-Video ans Herz gelegt (5 Minuten):

    Hier klicken zum CANTO VIVO Bilder-Video (Link auf YOUTUBE)

     PS: Damit verabschieden wir uns aus Peru und fliegen nach Chile. Das wird den ganzen Tag in Anspruch nehmen (mehrere Tausend Kilometer!), deshalb morgen kein Bericht - wir bitten um Nachsicht...  (-;

     

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