100 Jahre Novemberrevolution – ein Meilenstein auch für die Umweltbewegung!

 

Am 9.11. 2018 jährt sich zum 100. Mal der Sieg der Novemberrevolution über die feudal-kapitalistische Militärdiktatur unter Kaiser Wilhelm. Ausgehend vom erfolgreichen Matrosenaufstand in Kiel fegte binnen weniger Tage eine revolutionäre Welle durch das deutsche Reich. Massendemonstrationen und Massenstreiks prägten das Bild in den Städten. Überall gründeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Die Monarchie krachte zusammen wie eine morsche Hütte, der Kaiser floh ins Exil. In Berlin begann der Generalstreik in den Morgenstunden des 9.11. 1918. Hunderttausende Arbeiter*innen, zu ihnen übergelaufene Soldaten und revolutionäre Matrosen fluteten die Stadt, besetzten die strategisch wichtigen Gebäude und Plätze und übernahmen faktisch die Macht. Was haben diese historischen Ereignisse, die ganz Deutschland veränderten, mit der Umweltbewegung und mit der Umweltgewerkschaft zu tun? Der folgende Artikel will darauf mit 6 Thesen eine Antwort geben.

 

 

  1. Die Novemberrevolution beendete den I.Weltkrieg (ein Jahr zuvor hatte die russische Oktoberrevolution den Krieg an der Ostfront beendet). 10 Millionen Soldaten und 7 Millionen Zivilisten fielen diesem Weltkrieg zum Opfer. Allein 800.000 Hungertote gab es unter der deutschen Zivilbevölkerung. Weitere 20 Millionen Soldaten bezahlten den mörderischen Konkurrenzkampf um Kolonien, Rohstoffgebiete und Absatzmärkte mit schweren Verwundungen an Leib und Seele. Mit Giftgasen, U-Bootangriffen und Bombardierungen durch Luftschiffe weit im Hinterland kamen bisher nicht gekannte Massenvernichtungswaffen zu Einsatz. An den mehrere tausend Kilometer langen Fronten wurden riesige Landstriche zerstört. Der besonders barbarische Stellungskrieg in Nordfrankreich hinterließ Mondlandschaften ohne Baum und Strauch, und noch heute kommen dort jedes Frühjahr auf den Feldern neue Menschenknochen, Waffen und Munition zum Vorschein. Kurzum:

    Es war die bis dahin krasseste Entfremdung von Mensch und Natur in der Menschheitsgeschichte! Und sie wurde durch die Novemberrevolution gestoppt! Die Umweltgewerkschaft verficht in ihrem Grundsatzprogramm die Vision einer Welt ohne Umweltzerstörung, Ausbeutung, Hunger und Kriege. In diesem Sinne steht sie in der Nachfolge der Novemberrevolution.

  2. Die Novemberrevolution hat in Deutschland erstmals Millionen Menschen in die bewusste Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse hineingezogen. Das ist heute eine Grundvoraussetzung, um die heraufziehende globale Umweltkatastrophe noch abwenden zu können. Breite Bevölkerungskreise sind heute in der einen oder anderen Weise in der Umweltbewegung aktiv. Sie ist - neben der Arbeiterbewegung - die größte politische Bewegung weltweit geworden. Um ihr Ziel eines Lebens in Einklang mit der Natur zu erreichen, muss sie über Teilerfolge hinaus eine „radikale“ Gesellschaftsveränderung anstreben.

  3. Die Novemberrevolution war getragen vom Geist einer internationalen „Verbrüderung“ gegen den fürchterlichen Krieg der herrschenden Klassen aller imperialistischen Länder. Dieses damals entstandene Bewusstsein breiter Massen über den weltweiten Zusammenhang ihres Lebens und Kampfs - und über ihre wahren Gegner - ist heute von größter Bedeutung für die Rettung der Erde vor dem Kollaps. Nur eine international verbundene und koordiniert vorgehende Umweltmassenbewegung kann der globalen Umweltkatastrophe erfolgreichen Widerstand entgegensetzen. 

  4. Die Novemberrevolution setzte in kürzester Zeit demokratische Rechte und soziale Verbesserungen durch, wofür jahrzehntelang gekämpft worden war: Presse- und Versammlungsfreiheit, Frauenwahlrecht, Koalitionsrecht, 8-Stundentag, und mehr. Selbst der Faschismus konnte diesen historischen Durchbruch nur zeitweilig zurückdrehen. In ihrer Gesamtheit erleichtern sie bis heute den Zusammenschluss in Gewerkschaften und anderen (Umwelt-)Selbstorganisationen, ermöglichen sie eine breite öffentliche (Umwelt-)Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsbildung. Ohne diese erkämpften Rechte gäbe es keine Umweltgewerkschaft. Jedem Versuch ihrer Einschränkung (Stichwort neue Polizeigesetze!) oder gar Beseitigung muss energisch entgegengetreten werden. Sie müssen vielmehr, gerade auch im Interesse der Umweltbewegung, weiter ausgebaut werden (Stichwort: politisches und insbesondere umweltpolitisches Streikrecht!).

  5. Die Novemberrevolution war in großen Teilen eine antikapitalistische, eine sozialistische Revolution. Sie hatte die Abschaffung von Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung, Arbeitslosigkeit und Massenelend zum Ziel. Aber sie wurde von der damaligen SPD-Führung um Ebert, Scheidemann und Noske ausgebremst und verraten und im Verein mit der ultrarechten Freikorps-Soldateska Anfang 1919 brutal niedergeschlagen. Ihre Niederlage war auch die Niederlage der damaligen Keimformen der Umweltbewegung. Hätte sie sich stattdessen behauptet, wäre eine „gesellschaftlichen Alternative, in der die Einheit von Mensch und Natur verwirklicht wird“ (Grundsatzprogramm UG), ganz praktisch möglich geworden. Ganz zu schweigen von der Verhinderung des Hitler-Faschismus und des folgenden, Mensch und Natur schon an den Abgrund eines Atomkriegs bringenden II.Weltkriegs.

  6. Schließlich hat die Novemberrevolution die Frage der Organisiertheit der Massenbewegung, und die Frage der Qualität ihrer eigenen Führung, in aller Schärfe aufgeworfen. In der Umweltgewerkschaft als einer überparteilichen Organisation werden dazu naturgemäß unterschiedliche Positionen vertreten. Eine gute Voraussetzung für eine schöpferische und vorbehaltlose Auseinandersetzung über die Lehren der Novemberrevolution 1918! Darin steckt viel Potenzial für die tiefere Verbindung von Umweltbewegung und Arbeiterbewegung und den Aufbau der Umweltgewerkschaft als gesellschaftsverändernde Kraft. Die Novemberrevolution ist ein historischer Meilenstein für die Umweltbewegung – das sollten wir uns bewusst machen!

     

(gewo)