Der geplante Ausbau der Stromnetze dient in Wirklichkeit dem Stromhandel und Stromexport, sagt Prof. Josef Lutz.

Im Folgenden rezensiert er das Buch „Welchen Netzausbau erfordert die Energiewende“ der Autoren Lorenz Jarass und G.M. Obermair.

„Das Buch liefert vielfältige und wertvolle Informationen über die notwendige Umstellung der Stromversorgung auf regenerative Energien. Insbesondere über die Windenergie, und die Herausforderungen und Probleme, die sich aus der je nach Windstärke schwankenden Einspeisung ergeben. Die Autoren betonen aber, dass die größte Schwankung im Ausfall eines Großkraftwerks bestand und besteht.
Das Buch verschafft ein breites Wissen und ist weitgehend in einer verständlichen Sprache geschrieben. Man merkt, dass sich die Autoren vielfach mit engagierten Bürgerinitiativen auseinandergesetzt haben.

Bereits im Dezember 2011 gab es mehrmals Zeitabschnitte, in denen in Ostdeutschland die Einspeisung erneuerbarer Energie größer war als der Verbrauch. Schreiben wir die gegenwärtige Entwicklung bis 2020 fort, wird das zur Mittagszeit sehr oft auftreten. Eine Grundlast, einige Kraftwerke also, die durchgehend laufen, wird nicht mehr notwendig. Sogar wenn wir auf Elektroautos umstellen würden, wäre der zusätzliche Stromverbrauch überschaubar. Eine Flotte von 10 Millionen Elektrofahrzeugen z.B. würde etwa 6% des heutigen Stromverbrauchs in Deutschland bedeuten.

Der Kernpunkt des Buchs ist die Auseinandersetzung mit dem geplanten Netzausbau, der die Bürger mit Milliarden Kosten belasten soll. Angeblich ist das notwendig, um die Stromversorgung auf die erneuerbaren Energien umzustellen.
Nach der Lektüre dieses Buchs wird dieses Argument von Politik und Teilen der Industrie zur Makulatur. Man könnte mit modernen Techniken sehr viel mehr Strom in bestehenden Hochspannungstrassen führen. Bei Einsatz von Leiterseil Temperaturmonitoring plus 50% , bei Einsatz von Hochtemperaturleiterseilen um mehr als 50%. Diese Möglichkeiten werden im Netzentwicklungsplan gar nicht ausgelotet. Vielmehr verlangt dieser - gerade mit Blick auf die Ost-West Leitung durch den Thüringer Wald, dass „trotz einer hohen Windenergie-Einpeisung (in Ostdeutschland) ... auch die thermischen Erzeugungseinheiten mit einer hohen Leistung ... einspeisen“. Dies ist wörtlich zitiert aus dem Netzentwicklungsplan, Entwurf 2012.

Hier sind wir beim Kern. Die sächsischen Braunkohlewerke sollen gleichzeitig auf Hochlast fahren. Die Frage ist warum das so ist, wenn doch in den Zeitabschnitten, um die es hier geht, der Strombedarf durch Wind gedeckt werden kann?
Es bleibt nur der Schluss, dass andere Gründe vorliegen. Es liegt auf der Hand, dass es um den Stromhandel und Stromexport geht. Also, „überdimensionierter Netzausbau“ für Stromhandel und Stromexport. Die Kosten für den Netzausbau tragen allerdings nicht Die-
jenigen, die daran verdienen werden, sondern sie „werden dem inländischen Stromverbraucher aufgebürdet“. So werden „die Exportpreise für elektrische Energie vom deutschen Stromverbraucher quersubventioniert“. Zu ergänzen wäre noch, von den privaten Haushalten. Die industriellen Großverbraucher werden nicht belastet.

Der Netzausbau, angeblich für erneuerbare Energien, stellt sich nun als Netzausbau für das „freizügige künftige Marktgeschehen“ (Zitat aus dem Netzentwicklungsplan, Entwurf 2012) heraus. Was zurzeit gebetsmühlenartig in den Medien wiederholt wird, wird in diesem Buch als Unwahrheit entlarvt.

Immer wieder sprechen die Autoren die technischen Mängel dieser Pläne an. So ist auch die verlustarme moderne Technik der Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) vorgesehen. Die Autoren kritisieren aber, dass diese völlig unterdimensioniert ist. Denn sie könnteden Ausbau konventioneller Leitungen überflüssig machen. Damit haben die Autoren Recht.

Ich würde aber noch weitergehen. Die großen Vorteile der HGÜ liegen in der verlustarmen Energieübertragung über große Strecken. Sie müsste als HGÜ-„Supergrid“ für Europa und die angrenzenden Saaten verwirklicht werden. Für die jeweilige Form der regenerativen Energie können dann die ertragreichsten Standorte gewählt werden. Eine günstige nachhaltige Stromversorgung kann erreicht werden.

Ich hätte mir noch gewünscht, dass die bisherigen Investitionen in die Netze untersucht werden. So haben die Versorger die Investitionen in ihre Netze im Zeitraum 1995 bis 2004 halbiert und gleichzeitig mit Milliardengewinnen geprahlt. Jetzt sollen die privaten Stromkunden zur Kasse gebeten werden.
Notwendig wäre ein Sofortprogramm, das die Abschaltung aller Atomkraftwerke und den Übergang zu 100% erneuerbare Energien in kurzer Zeit zum Ziel hat. Dies will die Bundesregierung nicht, sondern sie verschiebt die vollständige Umstellung auf regenerative Stromversorgung bis auf das Jahr 2050. Sie damit hält sämtliche Hintertürchen für die fossile- und Atomenergie offen. Der Zeitpunkt 2050 kommt für die Verhinderung einer globalen Klimakatastrophe zu spät. Hier würde ich entschlossener argumentieren. Insgesamt ist das Buch aber für alle Streiter für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, wozu eine wirkliche Energiewende unabdingbar gehört, eine wichtige Hilfe.